Sünde – was ist das?
von Markus Reins
Wenn wir über Sünde sprechen wollen, müssen wir
zuerst einmal die Bedeutung des Wortes Sünde klären.
Unter Sünde scheint sich jeder etwas anderes vorzustellen. Man redet
von „versündigen“, „Todsünden“, „verzeihliche Sünden“, ja, heute
wird das Wort „Sünde“ durchaus auch spielerisch gebraucht: „Kann
Liebe Sünde sein?“ oder „Ach, dieses Kleid ist eine Sünde wert…“
Aber trotz dieses Graubereichs in der Bedeutung hat das Wort Sünde
eine Bedeutung, welche an den
GAU (= Größter Anzunehmender Unfall)
in der Atomtechnologie erinnert.
Eine Sünde ist die schlimmste Tat, die ein Mensch tun kann – eine
Tat über die man eigentlich nicht sprechen darf. Welche man bewusst
in dem Nebel der Ungenauigkeit lässt, um das emotionale Gewicht
dieses Wortes so hoch wie möglich zu halten.
Vor dem Wort „Sünde“ soll jedem ein grausiger Schauer den Rücken
herunterlaufen – aber niemand weiß eigentlich genau, was „Sünde“
eigentlich ist.
Wenn ich jetzt hier jeden einzelnen bitten würde, seine eigene
Vorstellung von „Sünde“ niederzuschreiben, würde jeder etwas anderes
mitteilen. Obwohl die Einzelheiten wohl unterschiedlich sein würden,
hätten die Ausführungen doch einen gemeinsamen Nenner: Sünde = eine
furchtbar schlimme Tat, welche eine schreckliche Strafe nach sich
zieht!
Dies ist allgemeines Gedankengut unserer Gesellschaft. Man muss
absolut nicht gläubig sein, um eine solche Vorstellung über Sünde zu
haben.
Ja, es ist sehr interessant, dass die gesellschaftliche
„Sündenvorstellung“ eins zu eins in den christlichen Glauben
integriert wurde.
Aber ist dies überhaupt zulässig? Was sagt die Bibel über Sünde? Wie
haben die Schreiber der Bibel den Begriff „Sünde“ verstanden? Gibt
es überhaupt „Sünde“ in der Bibel?
Nun ich bin mir sicher, dass die meisten jetzt unverständlich den
Kopf schütteln werden: „Aber natürlich, um „Sünde“ und Vergebung von
Sünde dreht sich doch die ganze Bibel!!!“
Nun, da muss ich dich so ziemlich enttäuschen! Die bei uns
vertretene „Sündenvorstellung“ gibt es so in der Bibel nicht – ja,
dass Wort Sünde ist eigentlich gar kein Wort der Bibel, sondern ein
deutsches Wort, welches aus dem Indogermanischen kommt und
„Trennung“ bedeutet.
Die Übersetzer der Bibel haben das hebräische chattat mit Sünde oder
sündigen übersetzt, dabei bedeutet dieses Wort: Das Ziel verfehlen,
den Preis nicht gewinnen, übertreten
Im Neuen Testament steht hier das griechische Wort harmartia,
welches die gleiche Bedeutung wie das hebräische chattat hat.
Das deutsche Wort Sünde hat eine gemeinsame
Wurzel mit Worten anderer germanischer Sprachen (Englisch sin,
Altenglisch synn, Altnorwegisch synd). Der Ursprung ist nicht
bekannt. Möglicherweise geht das Wort auf die indogermanische
Wurzel *es- zurück, das Partizip des Verbes sein, soviel wie
seiend bedeutend.
(Eine volksetymologische Deutung führt es auf das germanische
sund zurück, weil Sund eine Trennung bezeichne. Allerdings
bezeichnet "Sund" im Gegenteil etymologisch eine Enge, also eine
Verbindung, z.B. Landenge.)
Im Deutschen wird es erstmals als der christliche Begriff Sünde
gebraucht.
Der griechische Ausdruck αμαρτια (hamartia) des Neuen
Testaments, der dem hebräischen Wort chat'at entspricht - beides
bedeutet Verfehlen des Ziels, konkret und im übertragenen Sinn -
wird als Sünde übersetzt.
Quelle: www.wikipedia.org
Wenn wir zum Beispiel sagen: „Der hat aber eine
große Sünde begangen!“, ist dies zwar im allgemeinen Sprachgebrauch
verständlich, aber es trifft nicht den Sinn des biblischen Wortes,
das mit „Sünde“ übersetzt wurde.
Da „Sünde“ Trennung bedeutet, kann jemand keine Trennung begangen
haben. Es ist vielmehr so, dass weil wir von Gott getrennt sind –
sprich in Sünde leben – wir ständig das „Ziel verfehlen“ oder Gottes
Gebote übertreten.
Also ist „Sünde“ keine Tat – sondern ein Zustand!
Diese Erkenntnis ist von entscheidender Wichtigkeit, um die Aussagen
der Bibel richtig zu verstehen, müssen wir als zwischen Sünde und
Sünde trennen.
Doch lasst uns, diese Problematik jetzt, anhand des Wortes Gottes
betrachten:
So steht's geschrieben, dass Christus leiden
wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage;
und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung
der Sünden (harmartion) unter allen Völkern. Fangt an in
Jerusalem. – Lu. 24, 46+47
Eigentlich steht dort:
So steht's geschrieben, dass Christus leiden
wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage;
und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung
der „Verfehlungen des Zieles“ – oder – der Trennungen von Gott?
unter allen Völkern. Fangt an in Jerusalem.
Wie hätten wir, mit unserem normalen
„Sündenverständnis“, diese Stelle verstanden?
So steht's geschrieben, dass Christus leiden
wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage;
und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung
unserer bösen, gottlosen Taten unter allen Völkern.
Fangt an in Jerusalem.
Fazit: Da es eigentlich nur eine Trennung gibt,
deutet der Plural des Wortes harmartia darauf hin, dass hier
von unseren bösen Taten gesprochen wird.
Doch:
Jesus ist nicht nur für „unsere bösen
Taten“ gestorben – Er starb um unsere „Trennung von Gott“
aufzuheben!
Dies wird sinnbildlich dadurch demonstriert, dass bei Jesu Tod der
Vorhang im Tempel von oben (Gott) nach unten (Mensch) zerrissen
wurde (Matt. 27, 51).
Nehmen wir noch eine bekannte Bibelstelle:
Denn der Sünde (harmartia) Sold
ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in
Christus Jesus, unserm Herrn. – Rö. 6, 23
Eigentlich steht dort:
Denn das Endergebnis der Verfehlung des
Zieles – oder – der Trennung von Gott? ist der Tod; die
Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm
Herrn.
Wie hätten wir diese Bibelstelle verstanden?
Denn die Folge unserer gottlosen, bösen
Taten ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige
Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.
Fazit: Hier ergibt der gesamte Sinn des Satzes,
dass der Gebrauch des Wortes Sünde, die Trennung von Gott meint, und
damit völlig richtig ist.
Ich könnte jetzt noch viele Bibelstellen anführen – und überall
könnten wir die gleiche Erkenntnis gewinnen: Sünde ist keine Tat,
sondern der Zustand unserer Trennung von Gott!
Jesus vermittelt uns diese Wahrheit ganz klar in Matt. 12, 33-35
(Siehe unten!).
Aber was sind dann unsere bösen Taten? Wie benennt die Bibel sie?
Unsere „Sünden“ nennt die Bibel: Übertretungen, Fehltritte,
Schwachheiten, Verfehlungen…
Diese Taten sind die „Frucht“ der Sünde (Trennung von Gott).
Das bedeutet, dass Neid, Eifersucht, Streit, Zank, Krieg, Mord,
Ehebruch etc. im Sinne der Bibel keine „Sünde“ darstellt, sondern
nur die Frucht der Sünde ist.
Weil wir von Gott getrennt sind, versklavt unter die Herrschaft
Satans, bringt unser Leben diese bösen Taten hervor.
Wir leiden jetzt natürlich unter diesen Auswirkungen, und jeder
Mensch träumt von dem Sieg über das Böse (unsere bösen Taten) –
aber, wie so oft in unserem Leben, kümmern wir uns mehr um die „für-uns-sichtbaren“
Ergebnisse, oder Früchte der Sünde (Trennung von Gott), als
uns um die wahre Ursache – unsere Trennung von Gott – zu
kümmern.
Wir bemühen uns, die bösen „Früchte“ unseres bösen Herzens zu
unterdrücken, zu kaschieren oder wegzuleugnen, und meinen, wenn wir
dies – natürlich nur in unseren Augen ;-) – schaffen, wir hätten uns
gebessert.
Aber die Wurzel, unser böses Herz, wird überhaupt nicht beachtet.
Ja, da gibt es sogar ein paar Humanisten, die behaupten, dass der
Mensch ja im Grunde eigentlich gut sei.
Und einer von ihnen drückte die ganze Sinnlosigkeit ihrer
„Wunschvorstellung“ mit den Worten aus: … wer immer strebend sich
bemüht!
Leider hat dieser irrige Gedanke durchaus nicht wenige Anhänger in
der Christenheit. Ja, auch dort finden wir das eigene, verzweifelte
Bemühen besser zu werden. Hier wird dann dieses Bemühen mit „Streben
nach Heiligung“ umschrieben, aber es hat mit dem biblischen
Verständnis von Heiligung überhaupt nichts zu tun, wie wir im Laufe
dieser Predigtreihe noch deutlich sehen werden.
Klar, wir können auf eine Wildkirsche einen edlen Trieb pfropfen –
und dieser bringt dann auch wirklich gute Früchte -, aber mit
unserem „sündigen“ = von Gott getrennten Herzen geht das nicht!
Egal, wie wir uns bemühen, kasteien und disziplinieren, es wird nur
die folgende Wahrheit deutlich werden:
Nehmt an, ein Baum ist gut, so wird auch seine
Frucht gut sein; oder nehmt an, ein Baum ist faul, so wird auch
seine Frucht faul sein. Denn an der Frucht erkennt man den Baum.
Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid?
Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines
Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem
bösen Schatz. – Matt. 12, 33-35
Wenn Jesus hier von dem „guten Menschen“ spricht,
spricht ER eigentlich von einer Unmöglichkeit, denn an anderer
Stelle sagt ER:
Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich
gut? Niemand ist gut als Gott allein. - Mark. 10, 18
Niemand!!! - also, aus der Traum! Es gibt keinen
„guten Menschen“ - und weil es keinen „guten Menschen“ gibt, kann
auch niemand aus dem „guten Schatz seines Herzens“ Gutes
hervorbringen.
Was sagen wir denn nun? Haben wir Juden einen
Vorzug? Gar keinen. Denn wir haben soeben bewiesen, dass alle,
Juden wie Griechen, unter der Sünde (Trennung) sind,
wie geschrieben steht: »Da ist keiner, der gerecht ist, auch
nicht einer.
Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott
fragt.
Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner,
der Gutes tut, auch nicht einer (Psalm 14,1-3). – Rö. 3, 9-12
Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind
allesamt Sünder (von Gott Getrennte, die das Ziel verpasst
haben) und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.
– Rö. 3, 23
Trennung von Gott kann nur die Früchte der
Trennung von Gott hervorbringen!
Wir sind alle – ohne eine einzige Ausnahme – absolut rettungslos
verloren! Wir können nicht eine einzige Sache tun, um die Trennung
zu beenden.
Um „gute Früchte“ hervorbringen zu können, müsste die Trennung von
Gott wieder aufgehoben werden. Da ER jedoch die Trennung eingesetzt
hat, kann nur ER sie wieder aufheben!
Weil wir von uns aus die Trennung nicht wieder aufheben können, muss
Gott selbst einen Weg schaffen, um diese zu beenden.
Im Alten Testament finden wir einen Weg, durch Tieropfer die
Trennung von Gott aufzuheben. Das Vergießen von Blut unschuldiger
Tiere bewirkte, dass Gott die Trennung von IHM nicht mehr sah. Diese
„Opferwirkung“ war zeitlich begrenzt, und deswegen musste ständig
erneut geopfert werden.
Wir werden in dem folgenden Thema über das Wesen des
alttestamentlichen Opfers sehr deutlich erkennen, was die
Bibelstelle bedeutet:
Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind,
dem die Sünde (Verfehlung) bedeckt ist! – Ps. 32,1
Ohne ein Verständnis über das alttestamentliche
Opfer – und dessen Wirkung – können wir die Aussagen des Neuen
Testamentes nicht richtig verstehen.
Ja, man kann, ohne zu übertreiben, sagen: Wer die Aussagen des Neuen
Testamentes über „Vergebung der Sünden“, „Jesu Opfertod am Kreuz“
ohne das Verständnis des Alten Testamentes liest, wird die wirkliche
Bedeutung der Tat des Gottessohnes nicht richtig verstehen können –
ja, viel schlimmer, viele „geistlichen Irrtümer“ haben ihre Wurzel
in einem falschen Verständnis über Sünde und Vergebung.
Schlusswort:
Zum Schluss möchte ich noch einmal auf meine anfängliche Frage
zurückkommen: Was ist Sünde?
Wir sehen, dass der Gebrauch des Wortes „Sünde“ in der Bibel oftmals
problematisch ist. Anhand der urtextlichen Bedeutung wird klar, dass
unter dem von den Übersetzern meistens verwendeten Wort „Sünde“
eigentlich zwei unterschiedliche Sachverhalte ausgedrückt werden:
1. Das Wort „Sünde“ beschreibt unsere
grundsätzliche Trennung von Gott. Jesus nennt dies den „faulen
Baum“. Es beschreibt unseren Zustand des „geistlichen Todes“,
unser absolutes Verlorensein – und hier ist der Gebrauch des
Wortes „Sünde“, in seiner Bedeutung, angebracht, oder…
2. es beschreibt die Auswirkungen dieser Trennung von Gott –
sozusagen die „Früchte der Trennung“ – in unserem Leben. Hier
wäre es eher angebracht, die Worte „Verfehlungen“,
„Übertretungen“, „Schwachheiten“ zu gebrauchen – welche auch dem
Sinn der urtextlichen Worte chatat bzw. harmartia eher
entsprechen, als das Wort „Sünde“
Für unsere weiteren Ausführungen ist es absolut
wichtig, dass wir in der Lage sind, zwischen „Sünde“ und „Sünde“ zu
unterscheiden. Nur dann machen die Bibelworte, die wir lesen werden,
einen Sinn.
Es gibt leider nicht wenig „geistliche Irrtümer“ unter Gläubigen,
nur weil hier nicht klar getrennt wird!
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